Im Bayer-Werk Baytown/USA explodierte eine Produktionsanlage für Toluylendiamin (TDA). Der krebserregende Stoff wird auch im Bayer-Werk Dormagen hergestellt - erst im Dezember wurde dort die weltweit größte TDA-Anlage eingeweiht. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN wandte sich an das Umweltministerium NRW, um mögliche Risiken für die Anwohner in Dormagen zu ermitteln. Lesen Sie hierzu den folgenden Artikel aus "Stichwort BAYER 2/2004" (ein Probeheft senden wir gerne zu).

Explosion im Bayer-Werk Baytown

von Philipp Mimkes

"Ich bin beunruhig. Jeder in Baytown ist beunruhigt", sagt Jean Higman gegenüber dem Houston Chronicle. Ihr Nachbar Burl McBride versucht sie zu beruhigen: "Man darf sich nicht zu viele Sorgen machen. Das ist ein Teil unseres Lebens hier".

Higman und McBride können von ihren Gärten aus auf das BAYER-Werk im texanischen Baytown - 50 km östlich von Houston - sehen. Am Abend des 13. Februar explodierte dort eine Produktionanlage für Toluylendiamin (TDA), der Knall war viele Kilometer weit zu hören. "Erst dachte ich, es wäre ein Donnerschlag", ergänzt Toni McBride, Ehefrau von Burl McBride. "Ungewöhnlich war nur, dass das ganze Haus wackelte". McBride lief mit ihren Söhnen in den Garten und sah Flammen und eine hohe Rauchsäule.

TDA ist ein Vorprodukt von Polyurethanen, die in Dämmstoffen, Matrazen, Kühlschränken und Autositzen verwendet werden. Die Polyurethan-Produktion steht in der Kritik, weil dabei auch das hochtoxische Gas Phosgen zum Einsatz kommt.

Schon einen Tag nach dem Großunfall in Baytown traf ein Expertenteam aus deutschen BAYER-Werken ein, um die Ursachen der Explosion zu untersuchen. Grund für die Eile: BAYER stellt TDA auch im nordrhein-westfälischen Dormagen her. Dort steht seit kurzem die weltweit größte TDA-Anlage mit einer jährlichen Kapazität von 200.000 Tonnen.

Doch trotz der prompten Untersuchungen blieben die Informationen für die Öffentlichkeit vage: Nach Aussage von BAYER-Sprecherin Cherie Laughlin sei es "beim Anfahren des Reaktors zu einem instabilen Zustand" gekommen, der zu einer "erhöhten Konzentration bestimmter Chemikalien im Reaktor" führte. Schließlich platzte der Reaktor, wodurch eine Zuleitung mit Isopropanol entzündet wurde. Genauere Aussagen verweigerte Laughlin mit Hinweis auf das "geheime Produktionsverfahren von TDA".

Messungen der Luft oder des Löschwassers wurden von unabhängiger Seite aus nicht vorgenommen. Ein Vertreter der staatlichen Behörde Texas Commission on Environmental Quality besuchte zwar den Unfallort, nahm sich aber für seine gesamte Untersuchung nur eine Stunde Zeit. Trotzdem versicherte Unternehmenssprecherin Laughlin, dass "zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Anwohner" bestanden habe - ihre Rhetorik unterscheidet sich damit in keiner Weise von der ihrer Kollegen auf dieser Seite des Atlantiks.

Nur wenige Wochen vor dem Unfall in Baytown, am 4. Dezember 2003, hatten BAYER-Chef Werner Wenning und Ministerpräsident Peer Steinbrück die neue TDA-Anlage in Dormagen eröffnet. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und der BUND NRW hatten zwei Jahre zuvor einen Einspruch gegen die Genehmigung der Anlage eingelegt und die Anwendung eines chlorfreien und damit risikoärmeren Produktionsverfahrens gefordert. Auch den enormen Wasserverbrauch von rund 30 Millionen Kubikmetern pro Jahr kritisierten die Umweltverbände. Trotzdem war die Anlage wie von BAYER gewünscht genehmigt und gebaut worden.

In Dormagen ist jedoch der Abstand zwischen Werksanlagen und umliegender Bevölkerung geringer als in Baytown. Bereits 1997 war in Dormagen ein TDA-Reaktor explodiert, 12 Tonnen der krebserregenden Chemikalie traten aus und spritzen teilweise bis über die Werksgrenzen - sogar ein vorbeifahrender Zug wurde getroffen. Rauchwolken zogen in die nahen Wohngebiete. Die Zusammensetzung der Brandgase blieb unbekannt, von Umweltschützern geforderte Untersuchungen der Anwohner blieben aus. Die CBG forderte in einem Offenen Brief an den damaligen Ministerpräsidenten Rau gemeinsam mit dem BBU und dem BUND, die Ursachen des damaligen Unfalls sowie die Risiken für die AnwohnerInnen publik zu machen. "Auf lange Sicht müssen gefährliche Anlagen aus Wohngebieten verlagert werden", hieß es in dem Schreiben weiter.

Durch den Störfall in Baytown erhalten die Sorgen neue Nahrung. Die CBG wandte sich daher erneut an die nordrhein-westfälische Landesregierung, um die Landesbehörden auf den Unfall in Texas hinzuweisen und mögliche Risiken für die Anwohner in Dormagen zu ermitteln. Unklar ist vor allem, ob sich die Produktionsprozesse in Baytown und Dormagen ähneln und ob auch hierzulande eine Explosion möglich ist. Eine Antwort stand Ende Mai, mehr als drei Monate später, noch aus.

Brief an das Umweltministerium NRW:

Sehr geehrte Frau Höhn,

Vor dem Hintergrund der Explosion im BAYER-Werk Baytown möchten wir Sie bitten, die folgenden Fragen zu klären:

1. Wie genau kam es zu dem Unfall in Baytown? Welche weiteren Anlagen
wurden in Mitleidenschaft gezogen?

2. Welche Stoffe gelangten in die Umwelt?

3. Ist ein Störfall wie in Baytown bei BAYER-Deutschland möglich? Welche
Folgen für die Anwohner hätte ein solcher Unfall? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Explosion in Baytown und dem Störfall in der Dormagener TDA-Produktion am 30. Juni 1997?

4. Welche Konsequenzen ergeben sich für die Sicherheitsvorkehrungen bei
BAYER Dormagen?

5. Sind die Verfahren zur Herstellung bzw. Weiterverarbeitung von TDA in
Baytown und Dormagen vergleichbar? Wenn nicht, worin unterscheiden sie sich?

Mit freundlichen Grüßen,

Coordination gegen BAYER-Gefahren
CBGnetwork@aol.com
www.CBGnetwork.de
Tel: 0211-333 911
Fax 040 - 3603 741835

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Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Chemiker, ehem. MdB, Burgwald
Dr. Janis Schmelzer, Historiker, Berlin
Wolfram Esche, Rechtsanwalt, Köln
Dorothee Sölle,Theologin, Hamburg (U 2003)
Prof. Dr. Anton Schneider, Baubiologe, Neubeuern
Prof. Jürgen Junginger, Designer, Krefeld

 

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